INTERVIEW ISLAM

DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE
IM ISLAM


Was bei uns offiziell als Islam ausgegeben wird, ist der fundamentalistische Scharia-Islam. Seine Vertreter präsentieren sich unseren staatlichen und kirchlichen Behörden erfolgreich als Ansprechpartner für den „wahren Islam“. Wenn sich die Scharia-Muslime zur Zeit auch am lautesten gebärden, so heisst dies noch lange nicht, dass ihre „islamischen“ Prinzipien und Forderungen wirklich der Religion des Islam entsprechen und für alle Muslime gelten sollen.
Die Scharia-Muslime wissen genau, was „der Islam sagt..., im Islam ist..., zum Islam gehört...“ usw. Sie erklären ihre Glaubenssätze und -regeln für göttlich und darum ewiggültig und absolut verbindlich.

Ein hochrangiger muslimischer Theologe äussert sich im folgenden Interview zu einigen von den Scharia-Muslimen als unumstössliche Wahrheiten gepredigten „islamischen Prinzipien“.
 
 
Fundamentalistische Behauptungen, die im Interview kritisch hinterfragt werden:
  •  „Der Koran ist, so wie er überliefert ist, Gottes Wort und darf nicht historisch hinterfragt werden.“
  •   „Wer den Koran erklären will, muss sich auf die Interpretationen der mittelalterlichen islamischen Rechtsgelehrten stützen.“ 
  •  „Was Mohammed getan oder gesagt hat, ist für alle Muslime Gesetz, da er keine Fehler gemacht hat.“
  •   „Der Koran sagt, dass der Islam einmal die ganze Welt regieren wird.“
  •   „Die westliche Auffassung von Demokratie und Menschenrechten ist nicht die gleiche wie die islamische.“

Interview mit Ayatollah Jalal Ganj’i

Jalal Ganj’i ist ein hochrangiger schiitischer Theologe. Er hat an verschiedenen Universitäten, unter anderen in Qom (Iran), Theologie studiert und den Rang eines Ayatollah, den höchsten Rang eines schiitischen Geistlichen erworben.
Nachdem die Fundamentalisten unter Khomeini im Iran die Macht ergriffen hatten, wurden unzählige nicht fundamentalistisch eingestellte Geistliche vertrieben, verhaftet oder hingerichtet. Jalal Ganj’i konnte in den Westen fliehen. Heute lebt er in Paris.
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Frage: Herr Ganj’i, wenn Sie den Inhalt des Koran verstehen wollen, berücksichtigen Sie dann die Zeitumstände, in denen der Koran offenbart wurde?
 

Jalal Ganj’i: Es ist ganz klar, wenn wir wirklich verstehen wollen, was die Absicht und der Sinn eines Koranverses ist, müssen wir wissen, was dieser Vers Mohammed und seinen Zeitgenossen sagen wollte. Schon Mohammed hat in seiner Verkündigung auf die Erfahrungen seiner Zeitgenossen Rücksicht genommen, damit die Menschen verstehen konnten, was seine Botschaft für ihr ganz konkretes persönliches Leben bedeutete.
Wenn man die Zeitumstände nicht berücksichtigt, versteht man oft genau das Gegenteil von dem, was der Koran wirklich sagen will.
Schon kurz nach Mohammeds Tod wurden Koranverse falsch interpretiert, weil man die Situation, auf die sie eine Antwort gegeben hatten, ausser Acht gelassen hat.
 

Wer ist berechtigt, den Koran zu erklären?

Am Anfang hat der Koran alle Menschen direkt angesprochen. Alle waren aufgerufen zu verstehen, zu beurteilen, zu entscheiden und Position zu beziehen.
Heute jedoch muss man, um Missverständnisse zu vermeiden, die Geschichte der Zeitgenossen Mohammeds kennen und wissen, wie die Menschen damals gelebt haben, denn jeder Koranvers ist eine Antwort auf eine bestimmte, historische Begebenheit. Auch sollte man ein Minimum an Arabisch können und ein wenig mit der arabischen Literatur vertraut sein, schon nur um die vielen  Sprichwörter und Anspielungen zu verstehen, die der Koran enthält.
 

Das heisst also, die meisten Menschen können den Koran nicht ohne Hilfe verstehen?

Ja. Wenn man die obengenannten Bedingungen nicht erfüllt, ist man beim Verständnis des Koran auf andere angewiesen. Es gibt aber viele Menschen - darunter auch Nichtmuslime - welche die erforderlichen Kenntnisse haben, und von denen wir lernen können.
Allerdings gibt es auch Menschen, die sich zum Auslegen der Texte berechtigt fühlen, aber das nötige Basiswissen nicht haben.
Aber vergessen wir eine zentrale Voraussetzung nicht, die auch der Koran betont: Der Schlüssel, um den Koran wirklich zu verstehen, liegt dort, wo ein Mensch der Botschaft der Gerechtigkeit in  seinem praktischen Leben verpflichtet ist und an dieser beharrlich festhält. Erst durch das Tun kommt das richtige Verständnis des Koran.
 

Hat sich Mohammed nie getäuscht? War er ein perfekter Mensch?

Ausser Gott ist niemand perfekt.
In Sure 74, 2-7 wird Mohammed zum Beispiel aufgefordert, seine Kleider zu reinigen, was bedeutet, er solle seinen Geist reinigen. Weiter wird er ermahnt, sich vom Bösen zu entfernen und sich nicht zu überheben und zu loben für seine guten Taten.
Im Koran kommen immer wieder Zurechtweisungen von Mohammed vor.
 

Er hat die Offenbarungen, die für ihn negativ waren, nicht verschwiegen. Es wird ganz klar im Koran, dass auch die Gottesleute immer wieder von Gott ermahnt werden müssen.
Manchmal hat Mohammed bei einer Antwort gesagt: „So verstehe ich es“ oder „Das sind meine Worte“, um klar zu machen, dass dies seine eigene, menschliche Interpretation eines Koranverses ist.
 

Verkündet der Koran, dass einmal die ganze Welt von den Muslimen regiert wird?

Absolut nicht! Eine solche Aussage gehört überhaupt nicht zur Botschaft des Koran. Im Gegenteil, der Respekt vor andern Religionen und der Kontakt zu ihnen wird im Koran empfohlen, zum Beispiel Sure 3,64; „Sag: Ihr Leute der Schrift! Kommt her zu einem Wort des Ausgleichs zwischen uns und euch! (Einigen wir uns darauf) dass wir Gott allein dienen und ihm nichts (als Teilhaber an seiner Göttlichkeit) beigesellen, und dass wir (Menschen) uns nicht untereinander an Gottes Statt zu Herren nehmen.“
Die Gleichwertigkeit der Religionen wird im Koran betont, zum Beispiel Sure 2,136: „Sagt: Wir glauben an Gott und (an das), was (als Offenbarung) zu uns, und was zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen (Israels) herabgesandt worden ist, und was Mose und Jesus und die Propheten von ihrem Herrn erhalten haben, ohne dass wir bei einem von ihnen (den andern gegenüber) einen Unterschied machen.“
Um Ihre Frage, wer oder was nach der Auffassung des Koran einmal die Welt beherrschen wird, abschliessend zu beantworten: Im Koran steht, dass einmal auf der ganzen Welt Gerechtigkeit herrschen und es keine Unterdrückung der Schwachen mehr geben wird.
 

Widerspricht eine Demokratie in unserem westlichen Sinn dem Islam?

Laut dem Koran muss eine Religion in absoluter Freiheit gewählt werden, es gibt nichts Schlimmeres für den Islam als eine Diktatur.
Je demokratischer die europäischen Länder sind, desto besser für den Islam. Der Islam blüht auf in einer Gesellschaft, welche die Allgemeinen Menschenrechte respektiert, vor allem die Freiheit des Wortes, die Freiheit, seine Ideen und Ueberzeugungen auszudrücken.
Dagegen werden der Islam und der Glaube der Muslime gerade auch durch eine „islamische“ Diktatur bedroht, wie man am Beispiel des Iran sehr gut sehen kann.
Ob die Demokratie in den europäischen Ländern zum Tragen kommt, hängt allerdings sehr davon ab, wie ernst man die demokratischen Werte dort nimmt. So werden viele Parteien und Regierungen im Westen entgegen ihren demokratischen Prinzipien Verbündete der Fundamentalisten. Auch das sehen wir am Beispiel Iran.
 

Sind Menschen, die in einer islamischen Tradition aufgewachsen sind, wie zum Beispiel im Iran, überhaupt „demokratiefähig“?

Schauen Sie nur die letzten hundert Jahre der iranischen Geschichte an: Die vielen verschiedenen Generationen haben unaufhörlich mit der Waffe ihres Verstandes und ihres Denkens für die Demokratie in ihrem Land und gegen ihre blutigen Unterdrücker gekämpft. Und es waren vor allem die Inhalte des Islam, welche die Menschen zum Kampf für die Demokratie angespornt haben.
 

Auch als der Schah gestürzt wurde, war es so. Damals blühte eine religiös-geistige Kraft in der iranischen Bevölkerung auf. Die fundamentalistischen Mullahs haben dieses Aufblühen missbraucht und die Menschen mit ihren Versprechungen betrogen, um die Macht an sich zu reissen.
Heute, in der Endphase der Mullah-Diktatur, ist es wieder diese geistig-religiöse Kraft, die im Kampf der oppositionellen Volksmudjahedin stark ist. Diese Kraft fürchten die Mullahs am meisten.
Diese Kraft ist aber auch die grosse Hoffnung des iranischen Volkes auf eine demokratische Gesellschaft, in der es zum Beispiel die von den Mullahs aufgezwungene Trennung der Geschlechter, unter der besonders die Frauen so zu leiden haben, nicht mehr gibt.
 
 

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(Koran-Zitate aus der Uebersetzung von Rudi Paret, Kohlhammer-Verlag)

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