DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE
IM ISLAM
Ein hochrangiger muslimischer Theologe äussert sich im folgenden
Interview zu einigen von den Scharia-Muslimen als unumstössliche Wahrheiten
gepredigten „islamischen Prinzipien“.
|
Interview mit Ayatollah Jalal Ganj’i
Jalal Ganj’i ist ein hochrangiger
schiitischer Theologe. Er hat an verschiedenen Universitäten, unter
anderen in Qom (Iran), Theologie studiert und den Rang eines Ayatollah,
den höchsten Rang eines schiitischen Geistlichen erworben.
Frage: Herr Ganj’i, wenn Sie den Inhalt des Koran verstehen wollen,
berücksichtigen Sie dann die Zeitumstände, in denen der Koran
offenbart wurde?
Jalal Ganj’i: Es ist ganz klar, wenn wir wirklich verstehen wollen,
was die Absicht und der Sinn eines Koranverses ist, müssen wir wissen,
was dieser Vers Mohammed und seinen Zeitgenossen sagen wollte. Schon Mohammed
hat in seiner Verkündigung auf die Erfahrungen seiner Zeitgenossen
Rücksicht genommen, damit die Menschen verstehen konnten, was seine
Botschaft für ihr ganz konkretes persönliches Leben bedeutete.
Wenn man die Zeitumstände nicht berücksichtigt, versteht
man oft genau das Gegenteil von dem, was der Koran wirklich sagen will.
Schon kurz nach Mohammeds Tod wurden Koranverse falsch interpretiert,
weil man die Situation, auf die sie eine Antwort gegeben hatten, ausser
Acht gelassen hat.
Wer ist berechtigt, den Koran zu erklären?
Am Anfang hat der Koran alle Menschen direkt angesprochen. Alle waren
aufgerufen zu verstehen, zu beurteilen, zu entscheiden und Position zu
beziehen.
Heute jedoch muss man, um Missverständnisse zu vermeiden, die
Geschichte der Zeitgenossen Mohammeds kennen und wissen, wie die Menschen
damals gelebt haben, denn jeder Koranvers ist eine Antwort auf eine bestimmte,
historische Begebenheit. Auch sollte man ein Minimum an Arabisch können
und ein wenig mit der arabischen Literatur vertraut sein, schon nur um
die vielen Sprichwörter und Anspielungen zu verstehen, die der
Koran enthält.
Das heisst also, die meisten Menschen können den Koran nicht ohne Hilfe verstehen?
Ja. Wenn man die obengenannten Bedingungen nicht erfüllt, ist man
beim Verständnis des Koran auf andere angewiesen. Es gibt aber viele
Menschen - darunter auch Nichtmuslime - welche die erforderlichen Kenntnisse
haben, und von denen wir lernen können.
Allerdings gibt es auch Menschen, die sich zum Auslegen der Texte berechtigt
fühlen, aber das nötige Basiswissen nicht haben.
Aber vergessen wir eine zentrale Voraussetzung nicht, die auch der
Koran betont: Der Schlüssel, um den Koran wirklich zu verstehen, liegt
dort, wo ein Mensch der Botschaft der Gerechtigkeit in seinem praktischen
Leben verpflichtet ist und an dieser beharrlich festhält. Erst durch
das Tun kommt das richtige Verständnis des Koran.
Hat sich Mohammed nie getäuscht? War er ein perfekter Mensch?
Ausser Gott ist niemand perfekt.
In Sure 74, 2-7 wird Mohammed zum Beispiel aufgefordert, seine Kleider
zu reinigen, was bedeutet, er solle seinen Geist reinigen. Weiter wird
er ermahnt, sich vom Bösen zu entfernen und sich nicht zu überheben
und zu loben für seine guten Taten.
Im Koran kommen immer wieder Zurechtweisungen von Mohammed vor.
Er hat die Offenbarungen, die für ihn negativ waren, nicht verschwiegen.
Es wird ganz klar im Koran, dass auch die Gottesleute immer wieder von
Gott ermahnt werden müssen.
Manchmal hat Mohammed bei einer Antwort gesagt: „So verstehe ich es“
oder „Das sind meine Worte“, um klar zu machen, dass dies seine eigene,
menschliche Interpretation eines Koranverses ist.
Verkündet der Koran, dass einmal die ganze Welt von den Muslimen regiert wird?
Absolut nicht! Eine solche Aussage gehört überhaupt nicht
zur Botschaft des Koran. Im Gegenteil, der Respekt vor andern Religionen
und der Kontakt zu ihnen wird im Koran empfohlen, zum Beispiel Sure 3,64;
„Sag: Ihr Leute der Schrift! Kommt her zu einem Wort des Ausgleichs zwischen
uns und euch! (Einigen wir uns darauf) dass wir Gott allein dienen und
ihm nichts (als Teilhaber an seiner Göttlichkeit) beigesellen, und
dass wir (Menschen) uns nicht untereinander an Gottes Statt zu Herren nehmen.“
Die Gleichwertigkeit der Religionen wird im Koran betont, zum Beispiel
Sure 2,136: „Sagt: Wir glauben an Gott und (an das), was (als Offenbarung)
zu uns, und was zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen (Israels)
herabgesandt worden ist, und was Mose und Jesus und die Propheten von ihrem
Herrn erhalten haben, ohne dass wir bei einem von ihnen (den andern gegenüber)
einen Unterschied machen.“
Um Ihre Frage, wer oder was nach der Auffassung des Koran einmal die
Welt beherrschen wird, abschliessend zu beantworten: Im Koran steht, dass
einmal auf der ganzen Welt Gerechtigkeit herrschen und es keine Unterdrückung
der Schwachen mehr geben wird.
Widerspricht eine Demokratie in unserem westlichen Sinn dem Islam?
Laut dem Koran muss eine Religion in absoluter Freiheit gewählt
werden, es gibt nichts Schlimmeres für den Islam als eine Diktatur.
Je demokratischer die europäischen Länder sind, desto besser
für den Islam. Der Islam blüht auf in einer Gesellschaft, welche
die Allgemeinen Menschenrechte respektiert, vor allem die Freiheit des
Wortes, die Freiheit, seine Ideen und Ueberzeugungen auszudrücken.
Dagegen werden der Islam und der Glaube der Muslime gerade auch durch
eine „islamische“ Diktatur bedroht, wie man am Beispiel des Iran sehr gut
sehen kann.
Ob die Demokratie in den europäischen Ländern zum Tragen
kommt, hängt allerdings sehr davon ab, wie ernst man die demokratischen
Werte dort nimmt. So werden viele Parteien und Regierungen im Westen entgegen
ihren demokratischen Prinzipien Verbündete der Fundamentalisten. Auch
das sehen wir am Beispiel Iran.
Sind Menschen, die in einer islamischen Tradition aufgewachsen sind, wie zum Beispiel im Iran, überhaupt „demokratiefähig“?
Schauen Sie nur die letzten hundert Jahre der iranischen Geschichte
an: Die vielen verschiedenen Generationen haben unaufhörlich mit der
Waffe ihres Verstandes und ihres Denkens für die Demokratie in ihrem
Land und gegen ihre blutigen Unterdrücker gekämpft. Und es waren
vor allem die Inhalte des Islam, welche die Menschen zum Kampf für
die Demokratie angespornt haben.
Auch als der Schah gestürzt wurde, war es so. Damals blühte
eine religiös-geistige Kraft in der iranischen Bevölkerung auf.
Die fundamentalistischen Mullahs haben dieses Aufblühen missbraucht
und die Menschen mit ihren Versprechungen betrogen, um die Macht an sich
zu reissen.
Heute, in der Endphase der Mullah-Diktatur, ist es wieder diese geistig-religiöse
Kraft, die im Kampf der oppositionellen Volksmudjahedin stark ist. Diese
Kraft fürchten die Mullahs am meisten.
Diese Kraft ist aber auch die grosse Hoffnung des iranischen Volkes
auf eine demokratische Gesellschaft, in der es zum Beispiel die von den
Mullahs aufgezwungene Trennung der Geschlechter, unter der besonders die
Frauen so zu leiden haben, nicht mehr gibt.
*****